FLO

Grafiker. Spielt in "LOTFULLAH und die Staatsbürgerschaft" in der BURG Community. Denkt so schön. Hat was vom Leben verstanden.

"Betrachtungen des Flo Jungwirth"  Grafiker, spielt in "Lotfullah und die Staatsbürgerschaft", Kasino am Schwarzenbergplatz, Regie: Anna Manzano, Magdalena Knor & von Lotfullah Yusufi & Marie Theissing

Interview- & Portraitserie für die BURG Theater Community 2026aufgenommen in Probe- + Zwischenräumen + Kantine des BURG Theater Wien

peta: "Meine erste Frage ist, hast Du bitte ein Schlusswort für mich?"

Flo: "Ein Schlusswort? Ich weiß jetzt nicht, worum es in diesem Interview gehen soll, ums Theater vermutlich. Ein Schlusswort also: Ich fühle mich in der BURG wahnsinnig privilegiert."

peta: "Wofür gehst Du auf die Straße?"

Flo: "Ganz breit gesagt: für Menschen. Das heißt beispielsweise, gegen die Einschränkung von Menschenrechten. Wenn ich’s zusammenfasse, ging es immer um die Zukunft meines Sohnes. Das klingt pathetisch, trifft es aber. Ich geh nicht für mich auf die Straße. Das hat auch damit zu tun, dass ich sehr privilegiert bin. Ich bin ein Mann, bin weiß, bin in diesem Land geboren und aufgewachsen, mir mangelt es an nichts Grundlegendem. Ich wähle auch nicht unbedingt die Partei, die für mich persönlich, als Selbständiger, am besten ist, sondern jene, die für die Atmosphäre in diesem Land relevant ist. Damit es in diesem Land nicht noch kälter wird."

Es war mir immer bewusst, dass ich zu einer Gruppe von Menschen auf dieser Welt gehöre, die wahrscheinlich gerade einmal 3, 4, 5 Prozent umfasst. Weil ich empfinde schon Europa als privilegiert, und darin noch einmal Österreich, darin noch einmal Wien – ich finde, auch Stadt ist ein Privileg. Diese Stadt!"

peta: "Was würdest Du tun oder verändern, wenn Du einen Tag lang Österreich regieren würdest?"

Flo: "Weil die Frage schon so hypothetisch ist, darf es die Antwort auch sein? … Ich hätte gerne einen Zauber oder eine Pille – nein, Pille ist heikel seit Corona –, dass die Menschen in diesem Land miteinander umgänglicher sind. Nicht so abweisend oder bös oder… Ich empfinde das, was ich hier erlebe, in diesem Ensemble, jenseits des Privilegs des Theaterentwicklens an der BURG, auch menschlich als so schön: Menschen von Anfang 20 bis über 70, beide Geschlechter, und divers auf vielen Ebenen. Es ist so klass! Ich bin wahnsinnig gerne auf die Proben gefahren, auch wenn diese manchmal fordernd waren. Aber es wäre so schön, wenn die Menschen, im öffentlichen Raum, in ganz anderen Berufen – ah, das ist so ein abgeschmacktes Theatervokabular, aber ich find’s zugleich so treffend – durchlässiger wären."

peta: "(Noch) eine Frage zur Lotfullah-Produktion. Wie hat sich deine Sicht auf das Land verändert? Also, was hast du auch gelernt, vielleicht auch Positives über das Land? Wie hat sich dein Verhältnis zum Staat Österreich verändert?"

Flo: "Dieses Gefühl, sehr privilegiert zu sein, hatte ich schon vorher. Das hatte ich sehr früh. Kurzer Exkurs, aber er passt an dieser Stelle: Meine erste Freundin war Jüdin. Wir waren 14 und 15, waren ein dreiviertel Jahr zusammen, in dem Alter eh lang. Diese Beziehung war einfach schön, und es war ein Glück, so früh so ein Gegenüber zu haben. Aber auch ihre Familie hat mich immens geprägt. Weil in dieser Familie wurde viel gesprochen, und ich bin in dieser Familie wirklich politisiert worden. Das hat meinen Blick auf Österreich, auf die NS-Vergangenheit geschärft, dann ist in den frühen 80ern Jörg Haider hochgekommen, später die Waldheim-Affäre. Aufmerksam zu sein, hellhörig für alle Themen, die mit Österreich, mit Staatsbürgerschaft, mit dem Umgang mit Minoritäten, mit marginalisierten Gruppen, zu tun haben. Das war sehr früh in mir gepflanzt, da einen wachen Blick zu haben.

Meinen Zivildienst habe ich geleistet, als gerade die Jugoslawienkriege waren. Ich hab diese Kriege ganz bizarr erlebt, weil ich abends in einem Lokal für aus Jugoslawien Geflüchtete gearbeitet hab. Und in diesem Lokal hat sich spiegelgleich abgebildet, wie die Kriege gerade liefen: Irgendwann waren keine Kroaten mehr zu Gast, keine Bosnier mehr, am Schluss nur noch Serben … Also, ich war doch immer wieder mit Themen, die irgendwie miteinander verknüpft sind – Fremdsein in diesem Land – konfrontiert. Hab einen Blick, der früh geprägt wurde. Und insofern bin ich jetzt auch in dieses Stück schon gewappnet hineingegangen. Der Unterschied, der große, war, hier gab es diesen einen Menschen, Lotfullah.